Sex, Trauma, Gong-Bäder: Sind wir süchtig nach der Intimität anderer?
In einer Zeit, in der Beziehungsgespräche zu Podcasts und Sexgeschichten zu Social-Media-Content werden, verschwimmt die Grenze zwischen Intimität und Inszenierung. Jen Beagin entlarvt gnadenlos, wie tief unser Hunger nach der Intimität anderer reicht.
Ein tiefer Blick in den Roman „Big Swiss“ von Jen Beagin
Stell dir vor, dein Job ist es, die intimsten sexuellen Beichten deiner Nachbarn abtippen zu müssen. Genau das macht Greta in Big Swiss. Sie arbeitet für den Sextherapeuten Om, einen Typen, der mit Gong-Bädern, Feueratmung und Spiritualität so überperformt, dass man beim Lesen kaum zwischen Fremdscham und Faszination unterscheiden kann.
Als Greta die Stimme einer Klientin wiedererkennt, kippt ihr professioneller Abstand. Unter falschem Namen beginnt sie eine Affäre mit ihr, während sie deren Therapiesitzungen weiter heimlich lauscht. Natürlich fliegt alles auf, und am Ende landet Greta da, wo sie immer hingehört hat: auf der Couch ihres eigenen Gurus.
Ich habe beim Lesen öfter laut gelacht, als mir lieb ist. Hier ist eigentlich nichts zum Lachen, denn alles ist verstörend und grenzüberschreitend. Doch Beagin trifft genau diesen Punkt, an dem Absurdität zur Notwendigkeit wird und Sarkasmus zum Schutzschild.
Das Buch gibt sich als fluffige Sexkomödie, unter der Oberfläche aber brodeln Schmerz, Scham und Selbstverleugnung.
Hinter den absurden Szenen und dem schmutzigen Humor steckt ein System. Wenn man die Charaktere einmal ohne den Schutzschild des Sarkasmus betrachtet, sieht man erst, wie sehr sie eigentlich in ihrer eigenen Geschichte feststecken.
Und genau da entfaltet Beagin ihre grösste Stärke: Sie nutzt Komik, um in das Unbewusste zu greifen.
Beim Lesen fragte ich mich: Wo endet Vertrauen, wo beginnt Übergriff? Genau diese Grenze markiert Anna Weyants Bild: Falling Woman. Ein Sturz, den niemand kommen sieht.

Die Charaktere agieren wie ein zerbrochener Spiegel. Sie reflektieren sich gegenseitig, aber das Bild ist verzerrt: Greta fängt Flavias Fall nur auf, um ihn zu konsumieren. Flavia stützt Oms Fassade, um nicht fühlen zu müssen. Om nährt sich von beiden, um seinen Gott- Komplex zu füttern.
Jeder stützt den anderen und blockiert genau dadurch die Veränderung. Es ist ein Teufelskreis: Jeder Mechanismus stabilisiert das System aus gegenseitiger Bestätigung. Keiner muss sich bewegen. Aber wer sind diese Leute, wenn man ihnen die Kopfhörer abnimmt und das Gong-Bad ausstöpselt?
Greta: Die beobachtende Verdrängerin
Gretas Bruchbude voller Bienen und Stinkwanzen spiegelt ihren inneren Zerfallszustand wider. Sie externalisiert ihr Chaos, da sie es innerlich nicht regulieren kann. Dies zeigt eine emotionale Entwicklungshemmung nach dem Suizid ihrer Mutter. Hier manifestiert sich chronifizierte PTBS mit Dysthymie als jahrelanges Grundrauschen aus Schwere, Rückzug und Vermeidung.
Greta lebt passiv, indem sie das Leben anderer beobachtet, dokumentiert und analysiert. Dieses Muster dient der Vermeidung eigener Intimität. Sie erträgt Nähe nur stellvertretend durch Hören und Schreiben. Eine Form der ‚altruistischen Abtretung‘ nach Anna Freud, bei der man eigene Wünsche an andere delegiert. Diese dysfunktionale Vikarierhaltung führt zu ihrem Selbstverlust.
Philosophisch flieht sie vor ihrer existenziellen Freiheit, wie Sartre sie beschreibt, indem sie sich in fremde Rollen und Narrative verkriecht. Ihr Transkribieren wirkt wie ein gescheitertes Quietiv. Schopenhauers Begriff für ein Beruhigungsmittel des rastlosen Willens. Diese Flucht manifestiert sich in der passiven Beobachtung anderer, um der Verantwortung für eigenes Handeln zu entgehen.
Der Vertrauensbruch gegenüber Flavia signalisiert eine massive Störung interpersoneller Grenzen, typisch für PTBS-bedingte Distrust und Externalisierung. Grenzen werden überschritten oder ignoriert, was Beziehungen destabilisiert und Isolation verstärkt. Dies unterstreicht ihre mangelnde Selbstregulation.
Flavia (Big Swiss): Die resiliente Verleugnerin
Auf den ersten Blick wirkt Flavia stark, diszipliniert und unerschütterlich. Sie verkörpert die „Anti-Trauma-Identität“ durch Kontrolle und Leistung, ein typisches Abwehrmechanismus bei komplexer PTBS. Diese Fassade tarnt emotionale Taubheit und Depersonalisation, bei der Betroffene sich als distanzierter Beobachter ihres Lebens wahrnehmen. Kontrolle dient hier der Vermeidung vulnerabler Gefühle.
Die weibliche Orgasmusstörung repräsentiert somatisierte Traumata, wie in der psychosomatischen Medizin beschrieben: Der Körper äussert, was der Geist verdrängt. Flavia flieht aus dem Körper, trennt Affekt von Erfahrung, wodurch Intimität als bedrohlich empfunden wird. Dies steht im Gegensatz zu Gretas externalisierendem Chaos mit innerer Erstarrung.
Der Hund als Projektionsfläche zeigt unbewusste Angst und Bindungsbedürftigkeit, die Flavia sich selbst verweigert. Ihre scheinbare Resilienz ist schwere Abwehr, die echte Nähe blockiert und langfristig zu Erschöpfung führt.
Om (Bruce): Der esoterische Narzisst
Der Therapeut Om, ausserhalb der Praxis Bruce genannt, verkörpert das New- Age- Ideal einer therapeutischen Kultur, in der Selbstdarstellung wichtiger geworden ist als Empathie. Sein Narzissmus instrumentalisiert Patientenschmerz als Bühne für seine eigene Bedeutung. Dieser spirituelle Parasitismus blockiert echtes Mitgefühl, zerstört therapeutische Allianzen und fördert Abhängigkeit der Patienten statt Autonomie.
Er missachtet Abstinenzregeln, nutzt Patientinnen für Imagepflege und ermutigt zu Grenzverletzungen. Ein klares ethisches Versagen. Fehlende Gegenübertragungsarbeit zeigt Inkompetenz: Seine Bedürfnisse werden über Klientenwohl gestellt. Er unterstützt nicht, er retraumatisiert.
Die Figur mahnt, Heiler kritisch zu prüfen: Er ersetzt Fachlichkeit durch moderne Wellness-Esoterik und Charisma. Vertraut nur denen mit stabiler Distanz und evidenzbasierten Methoden, nicht charismatischen Selbstdarstellern mit günstigem Feuerwerk.
Sabine: Die exzentrische Bezugsperson
Sabine bietet Bodenhaftung durch ihre Echtheit, trotz Kleptomanie und Drogenvergangenheit in Remission. Ihre symbiotisch-manische Beziehung zu Greta verkörpert zärtliche Präsenz, ohne Optimierungsdruck. Dies spiegelt therapeutische Ideale wie echtes Mitgefühl durch Aushalten wider.
Ihre Bienenstöcke symbolisieren Zusammenhalt und Kohäsion, im Kontrast zu Zerfall und Isolation. Sabine hält Schmerz aus, ohne spirituelle Erhöhung oder schnelle Lösungen. ure Präsenz heilt hier mehr als Abwehr. Verletzlichkeit verbindet, wie sie zeigt, effektiver als Perfektion.
Was bleibt?
Man kann das Trio wie ein Kaleidoskop aus Verleugnung und Narzissmus betrachten. Greta starrt auf die Scherben am Boden und identifiziert sich mit dem Leid. Flavia tut so, als wäre der Spiegel noch unversehrt, und lebt in der Verleugnung. Om steht daneben und verkauft die Bruchstücke als spirituelle Kunst, während er sich am Schmerz anderer regelrecht aufgeilt.
In diesem Zustand kann sich nichts verändern, solange Greta in ihrer Obsession und Flavia in ihrer Affektvermeidung verharren. Beides sind Strategien, um dem Schmerz auszuweichen. Eine echte Transformation beginnt erst dort, wo Greta am Ende ankommt: in der Bereitschaft zur Introspektion, im mutigen Blick nach innen, bei dem man die eigenen Impulse beobachtet, ohne sie sofort zu bewerten oder zu verdrängen.
Erst wenn die Abwehrmechanismen zusammenbrechen, wird der Blick hinter die Fassade möglich. Das ist der Schritt vom Beobachten zum Begreifen, vom Spannertum zur Einsicht, und damit der Beginn einer wirklichen Auseinandersetzung mit sich selbst.
Mein Fazit: Wer hört hier eigentlich wem zu?
Mein Fazit ist fast schon ironisch: Während ich das hier schreibe, mache ich genau das, was Greta tut. Ich analysiere die Psyche anderer, konsumiere fremden Schmerz und verkaufe das Ganze als Content. Ich sitze in meiner Wohnung und beobachte das Leben aus der sicheren Distanz meines Bildschirms. Big Swiss ist die Reality Show unserer Gesellschaft – und ich liefere gerade den Kommentar dazu ab. Wir schauen anderen beim Leben zu, um unseren eigenen Schmerz nicht fühlen zu müssen.
Dass dieses „Zuschauen“ kein harmloser Zeitvertreib ist, zeigt die Traumaforschung ziemlich gnadenlos. Studien der UZH bestätigen:
Emotionale Taubheit ist keine Resilienz. Wer nur noch funktioniert und sich taub stellt – so wie Flavia –, flüchtet in die Depersonalisation. Das ist kein Schutzschild, das ist eine hoch organisierte Trauma-Reaktion, die das PTBS-Risiko massiv nach oben treibt. Und wer wie Greta alles nur durch Kopfhörer miterlebt, vererbt diese Vermeidungshaltung laut Genfer Studien direkt an die nächste Generation.
Am Ende hilft kein Gong-Bad und kein Abtippen fremder Geschichten. Es schützt nicht die Leistung oder das perfekte Funktionieren, sondern die Fähigkeit, einen Sinn im Chaos zu finden. Wir müssen aufhören zuzuschauen, die Kopfhörer abnehmen und dem eigenen Dreck begegnen. Erst wenn wir die Distanz des Beobachters aufgeben, verlassen wir die Reality Show und finden zurück in die eigene Realität.