Salsa statt Selbstoptimierung: Warum Lebendigkeit kein Reparaturvorgang ist.
Selbstakzeptanz, Selbstwert, Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstliebe, Selbstrespekt, Selbstmitgefühl, Selbstreflexion, Selbsterkenntnis, Selbstbild, Selbstfindung, Selbstwertgefühl, Selbstermächtigung, Selbstwirksamkeit, Selbstregulation, Selbstdisziplin.
Dazu Sätze wie: „Ich heile mich selbst“ oder „Ich bin im Frieden mit meinem Körper“.
Wenn man sich diese Liste ansieht, merkt man schnell: Fast alles dreht sich nur noch um das „Ich“. Wir behandeln unser Leben wie ein Projekt, das ständig repariert, optimiert und überwacht werden muss. Aber ich glaube, genau dieser Fokus ist das Problem. Diese extreme Zentrierung auf das Selbst führt oft zu einem egozentrischen Verhalten.
Man verschliesst sich unbewusst Neuem, isoliert sich von seinen Beziehungen und verpasst das Potenzial echter, spontaner Erfahrungen – weil man nur noch mit der eigenen „Heilung“ beschäftigt ist.
Das Ich als Spiegelkabinett
Wir reden viel von Authentizität, aber eigentlich ist unser „Echt sein“ ein ziemlich instabiles Konstrukt. Unser subjektives Bewusstsein ist keine einsame Insel. Wir sind gefangen in Projektionen und Spiegelungen. Vieles, was wir für unser „wahres Ich“ halten, ist schlicht durch Gene und Kultur geprägt. Unser Selbstbild ist zu einem grossen Teil Intersubjektivität: Projektionen von Eltern, Partnern und der Gesellschaft.
Wir sehen die Welt und andere Menschen nicht so, wie sie sind, sondern durch den Filter unserer eigenen Geschichte.
Wer versucht, sich durch reine Selbstreflexion zu „finden“, sucht oft ein Phantom. Man kann eine Spiegelung nicht reparieren, indem man den Spiegel poliert. Wir brauchen das Aussen, um uns überhaupt wahrzunehmen.
Die kognitive Falle: Das Nervensystem lässt sich nicht belügen
Ein grosses Problem ist, dass wir heute alles kognitiv verstehen. Wir kennen die psychologischen Begriffe, wir verstehen die Logik hinter Affirmationen. Aber das ist oft eine kognitive Verzerrung. Wir glauben, wenn der Kopf es versteht, ist die Sache erledigt.
Aber ist unser Nervensystem überhaupt parat für diese Sätze? Wenn dein Körper biologisch im Stress- oder Überlebensmodus feststeckt, fühlt sich ein Satz wie „Ich bin im Frieden“ für deine Zellen wie eine Lüge an. Das nennt die Polyvagaltheorie „dorsalen Shutdown“: Dein Nervensystem ist offline, während dein Kopf noch Selbstliebe predigt.
Erst ein sicherer Mensch (ventrale Co-Regulation) bringt dich zurück ins Fenster der Toleranz.
Das isolierte Optimieren ist eine Art „Selbst-Gaslighting“. Wir nutzen es oft als „Emotional Bypass“, um echte Nähe und die damit verbundene Verletzlichkeit zu vermeiden. Wahre Veränderung, auch epigenetisch, braucht Sicherheit – und die entsteht fast nie in der Isolation, sondern durch Verbindung.
Der Blick zurück: Heilung war früher kollektiv
Früher gab es kein „Self-Care Theater“. Heilung war eine Sache der Gruppe. Wie der Mediziner Dr. Gabor Maté beschreibt, ist unser Nervensystem auf „Tribal Safety“ (Stammessicherheit) programmiert. Kollektive Rituale und Tänze senkten Cortisol oft effektiver als moderne Solomeditation, weil sie das fundamentale Bedürfnis nach Zugehörigkeit stillten.
Maté argumentiert in seinem Buch "The Myth of Normal" radikal, dass unsere modernen Krankheiten oft keine individuellen Defekte sind, sondern normale Reaktionen auf eine kranke Kultur. Er zeigt, dass wir als Individuen in einer isolierten Gesellschaft kaum gesund werden können, weil unser biologisches System auf Verbundenheit ausgelegt ist.

Raus aus der Ich-AG: Weltbewusstsein statt Selbstliebe
Vielleicht ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben nicht noch mehr Selbst-Bewusstsein, sondern mehr Welt-Bewusstsein.
- Natur als Korrektiv: Die Natur bewertet uns nicht. Wenn wir im Wald sind oder am Meer, müssen wir kein „Projekt“ sein. Forschung zeigt: 20 Minuten Wald senken Cortisol signifikant, weil der Vagusnerv durch biophile Resonanz aktiviert wird – ohne dass du etwas „tun“ musst. Hier gibt es keine Projektionen. Wir sind einfach Teil eines biologischen Gefüges.
- Co-Regulation statt Selbst-Regulation: Wir sind soziale Wesen. Ein echtes Gespräch, bei dem man wirklich zuhört, macht gesünder als zehn Affirmationen.
- Synchronisation durch Salsa: Aktivitäten wie Tanz, Sport oder Musik synchronisieren unsere Nervensysteme mit anderen. Ein Salsa-Tanz, bei dem du dich voll auf das Gegenüber einlässt – egal ob du führst, folgst oder mitten im Lied die Rollen tauschst – ist echte Medizin. Es geht nicht um die perfekte Figur, sondern um die Resonanz im Moment.
- Kreativität statt Selbstkritik: Kreativität entsteht nie durch Selbstoptimierung, sondern durch das mutige Hineinspringen ins Unbekannte. In einer Jam-Session oder auf der Tanzfläche passiert Heilung nicht durch Analyse, sondern durch gemeinsames Schaffen. Studien zeigen: Gemeinsames kreatives Tun senkt Stress effektiver als jede Solo-Praxis.
Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt in seinem Werk „Resonanz“ diesen Zustand als den Kern eines gelingenden Lebens. Für ihn entsteht ein gutes Leben nicht durch die Maximierung der Selbstkontrolle, sondern durch die Fähigkeit, in Resonanz mit der Welt, anderen Menschen und den Dingen zu treten – genau wie beim Tanz, wo wir eine Antwort von der Musik und dem Gegenüber erwarten und darauf eingehen.

Fazit
Echt sein bedeutet nicht, die „beste Version“ seiner selbst zu werden. Es bedeutet, die Maske der geheilten, fertigen Person abzulegen. Es ist der Mut, unfertig zu sein und sich wieder auf die Welt einzulassen. Das Ich ist intersubjektiv: Du brauchst das Gegenüber, um dich selbst zu sehen. Authentizität entsteht nicht im Journal, sondern im Kontakt.
Anstatt dich zu fragen: „Bin ich heute gut genug zu mir selbst?“, frag dich mal: „Wem habe ich heute wirklich zugehört?“ oder „Was in der Natur hat mich heute berührt?“.